Situation und Geschichte der Roma im Burgenland

Zu Beginn muss man auf die Geschichte der Roma eingehen, damit die heutige Situation besser verstanden werden kann.

Die Roma sind vor ca. 1000 Jahren auf ihren Weg von Indien nach Europa aufgebrochen. Sie kamen nach Europa als sich dort die seßhafte Ordnung gerade einstellte. Jede Form von nichtseßhaftem Leben wurde kriminalisiert. Sofern sie dem jeweiligen Herrscher nicht nützlich waren, wurden sie verfolgt oder hingerichtet. Sie zogen in kleinen Gruppen, die ihren Familin­clans entsprochen hatten, über die Türkei zum Balkan. Ein Teil wanderte über Nordafrika nach Spanien und lebt noch heute dort als die durch ihren "Flamenco" berühmt gewordenen "Gita­nos".
Aber auch andere Gruppierungen der Roma nahmen an dieser Völkerwanderung teil und zwar waren dies unter anderen: Lovara, Sinti, und Kalderash. Die einzelnen Roma-Gruppierungen unterscheiden sich in den meisten Fällen durch ihre Bräuche und den Dialekt bzw. die Au­sprache. Die Muttersprache der Roma ist das "Romanes", die aus dem "Sanskrit", der altin­dischen Literatursprache, stammt.

Der Unterschied zwischen Roma und Sinti besteht darin, dass
Sinti
z.B. Musiker, Maler , also sozusagen Künstler sind; Sie waren im Gegensatz zu den Roma ein nomadisierender Stamm.
Roma sind Handwerker, unter anderen sind dies die Berufe des Scherenschleifers, Regenschirmmachers, Korbflechters etc.

In der Vergangenheit hatten die Roma in der Wirtschaft eine untergeordnete Bedeutung, ihnen wurde nur gerade soviel Freiraum zugestanden als sie zur Existenzsicherung benötigten. In der Zwischenkriegszeit mußten viele von ihnen zur Existenzsicherung ihre traditionellen Berufe, die sie vorwiegend im Wandergewerbe ausübten, aufgeben und arbeiteten im Baugewerbe, in Steinbrüchen, als Landarbeiter und Tagelöhner. Von der prekären Arbeitsmarktsituation waren besonders die Burgenland-Roma betroffen.

Die Geschichte der Roma und Sinti ist von Beginn an von Verfolgung und Mißhandlungen gekennzeichnet. Ins Gebiet des heutigen Burgenlandes kamen Roma im 16. und 17. Jahrhundert mit dem türkischen Heer als Musiker, Waffen- und Hufschmiede. Sie galten aufgrund ihres fremdländischen dunklen Aussehens als Außenseiter. Nach dem Abzug des türkischen Heeres blieben sie im Lande und waren zur Lebenserhaltung gezwungen.

Unter Graf Batthany wurde eine Reihe von Roma-Siedlungen gegründet (1664 u. 1674). Ab dem 18. Jahrhundert wurden Roma und Sinti unter Maria Theresia und später unter Joseph II. außerhalb der Ortschaften zwangsangesiedelt. Bei Androhung von 24 Stockhieben war der Gebrauch ihrer eigenen Sprache verboten. Roma-Kinder wurden ab dem 5. Lebensjahr von den leiblichen Eltern isoliert und in andere Komitate zu christlichen Pflegeeltern gebracht. Es wurden Verordnungen erlassen, um die Roma seßhaft zu machen.

Im 19. Jahrhundert kamen aus dem Osten neue Roma-Gruppen. Familien der Lovara siedelten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts rund um den Neusiedlersee an. Vor 1938 gab es in Österreich ca. 11.000 Roma, die größte Gruppe war jene der zwangsangesiedelten, sesshaften oder teilseßhaften Burgenland-Roma (ca. 8.000).

Nach der Angliederung des Burgenlandes an Österreich mußte sich die österr. Regierung außer mit der ungarischen und kroatischen Volkgruppe auch mit der Minderheit der Roma ausein­andersetzen. Um Neuzuwanderungen zu verhindern, wurden Personenzählungen und Registrie­rungen der sogenannten"Zigeunerbehausungen" durchgeführt. Die Bgld. Landesregierung  ließ Erhebungen über alle ansässigen Roma durchführen, 1926 wurden alle Roma fotografiert. Seit 1928 wurde beim Bundespolizeikommissariat in Eisenstadt eine sogenannte "Zigeunerkartothek" geführt, die Daten über ca. 8.000 Roma über 14 Jahre inklusive Fingerabdrücke enthielt. 1938 wurde diese Kartothek dem Rasse- und Siedlungshauptamt -SS zur Verfügung gestellt.

Mit dem Anschluss an Hitler-Deutschland begann die Verfolgung und Ausrottung der Ro­ma. Ihnen wurde das Wahlrecht entzogen, Kindern der Schulbesuch untersagt, öffentliches Musizie­ren verboten und Zwangsarbeit angeordnet. Allein im Juni 1939 wurden 3.000 Burgenland-Roma in die Konzentrationslager Dachau und Ravensbrück verschleppt, wo sie erniedrigt, ausgebeutet, mißhandelt, zu Tode gefoltert und getötet wurden. In Ravensbrück führte man noch in den letzten Wochen vor der Befreiung an Roma-Frauen und Mädchen Sterilisierungsexperimente durch­.

In Europa wurden in der NS-Zeit eine halbe Million Roma und Sinti ermordet. Von den ca. 11.000 Roma und Sinti aus Österreich überlebten mehr als die Hälfte die Arbeits-,Sammel- und Konzentrationslager nicht.

In der Hoffnung, Familienangehörige oder Verwandte wiederzusehen, kehrten die meisten Überlebenden in ihre Vorkriegswohnorte zurück. Manche Orte verweigerten den Zuzug. Viele mußten um Papiere und die Staatsbürgerschaft, die ihnen zunächst verweigert wurde, kämpfen. In der ersten Nachkriegszeit haben viele den Weg in die Anonymität gewählt. Ge­schwächt durch Krankheiten, Unterernährung und psychi­schen Schmerz über­lebten damals viele nicht einmal das erste Jahr in Freiheit.

Die seßhaften Burgenland-Roma mußten feststellen, dass man mit ihrer Rückkehr nicht gerechnet hatte. Die Siedlungen, Hütten und Wohnungen waren dem Erdboden gleichgemacht worden. Von den ehemals sehr großen Familien hatten nur wenige überlebt (ca. 10 Prozent). Ein Beispiel aus Unterschützen im Südburgenland: 1938 lebten dort 143 Roma, davon überlebten nur 10 Personen.

Es kam wieder zu isolierten Ansiedlungen. Widerwillig wurden den Überlebenden von manchen Gemeinden Unterkünfte zur Verfügung gestellt. Später wurden ihnen Behausungen, wieder außerhalb der Ortschaften, errichtet - 20 bis 25 m2 Wohnfläche für vier bis fünf Personen, ohne Strom, Wasser und sanitäre Anlagen. Trotz der Bereitschaft zur Integration blieben die Burgen­land-Roma weiterhin auf der untersten sozialen Stufe. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie mit Sammeln und Verkaufen von Bettfedern und Altmetall, als Tagelöhner, Musiker, im Sommer mit Sammeln von Beeren und Pilzen.

Von Misshandlungen und Krankheiten während der NS-Zeit gezeichnet, konnten viele keine geregelte Arbeit, meist als Bau- und Straßenarbeiter oder Saisonarbeiter, annehmen. In der näheren Umgebung konnten Roma keine Arbeit bekommen. Aufgrund ständiger Diskriminierung und Arbeitslosigkeit zogen es vor allem die jungen Roma vor, nach Wien und in andere größere Städte abzuwandern, um in der Anonymität ein neues Leben zu beginnen.

Zurück blieben die Überlebenden der KZ´s, weiterhin in ärmlichsten Verhältnissen, abhängig von einer kleinen Sozialrente. Ihre finanziellen Mittel reichten nicht aus, um aus eigener Kraft eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu erreichen. Ohne jeglichen Komfort wohnen noch heute viele in den Unterkünften, die ihnen nach dem Ende des Krieges errichtet wurden. Selbst jüngere Familien konnten ihren Lebensstandard nur teilweise verbessern.

Aufgrund dieser Umstände wurde der Verein Roma in Oberwart gegründet und gleichzeitig die Roma-Beratungsstelle eingerichtet.

Quelle: Dr. Gerhard Baumgartner aus Volksgruppenhandbuch des Österreichischen Volksgruppenzentrums